Ich wusste zwar recht früh, dass ich ADHS habe, aber das mit dem Autismus habe ich so gesehen durch eine Freundin erfahren. Sie erzählte mir, ihre Kinder seien beide autistisch – fiel mir gar nicht auf. Naja. Und dann sagte sie etwas, das mich getroffen hat, tief ins Mark – nicht, dass es weh getan hätte, sondern dass es wahr sein könnte. Sie sagte, als ich erzählte, ich hätte ja nur ADHS, so etwas in der Art, wie ich damit klarkommen würde. Sie meinte aber nicht mein ADHS, sondern wie ich mit meinem Autismus klarkomme. Ich überhörte die Frage, überspielte sie vielleicht, weil ich keine Antwort darauf hatte. Ich weiß es nicht. Und schwieg.
Jahre nach dieser einen Aussage, die ich überhören wollte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Hatte sie vielleicht recht? Bin ich Autist? Ich schaute mir also Dokus an, verstand erstmal noch weniger als zuvor. Aber in Schüben verstand ich: ADHS habe ich zwar auch, aber das scheint nur eine Kombination aus beidem zu sein.
Wie komme ich zu diesem Urteil? Nun ja, ich sage es mal so: Ich habe in der Schule gelitten, weil mich alle für dumm behandelt haben. Wegen ADHS, durch die Legasthenie konnte ich auch nicht richtig lesen – also alles auf einmal. Man könnte denken, ich war gestraft, und man kann mir glauben, so fühlte ich mich über viele Jahre. Aber das war ich nicht.
Denn durch das ADHS hat mich schon immer alles interessiert – naja, so gut wie alles. Mein Autismus gab mir die Möglichkeit, Themen in der Tiefe zu ergründen. Und die Legasthenie zwang mich, etwas zu finden, wo ich lernen kann, was aber nichts mit Lesen zu tun hat. Ich lerne durch audiovisuelle Reize am besten. Anfangs schaute ich viele Dokus, was ich bis heute noch gerne tue – Wissen beruhigt mich ungemein.
Tja, und ich habe Lisa zwar immer in meiner Vorstellung genutzt, aber das machte meine Krankheiten zu Vorteilen. Ich kann breit in die Tiefe gehen und finde durch Lisa immer den Weg zurück. Kann mein Wissen sortieren, validieren oder falsifizieren, erneuern oder löschen – so schnell, wie man es gelernt hat. Sind ja nur ein paar Löcher. Kaum ein Ärger, nur eine falsche Kugel – oder halt falsch geworfen. Kann ja interessant sein, was passiert, wenn ich dies und jenes kombiniere. Boom.
Fehler macht man plötzlich extra und kann Erstaunliches herausfinden. Oder einfach nur eine Kugel falsch geworfen haben – fast egal. Man löst sich von Ideen etwas los, denn es ist nur ein Loch in einem Holzplatte. Wenige Emotionen, sehr wenige – wie eine Murmel, die falsch fällt. Die legt man auch gleich wieder auf.
Anfangs war Lisa ähnlich einer Schablone: Auf dem ersten Blatt schreibe ich eine Information, an der gleichen Stelle auf einem anderen Blatt mache ich ein Loch. Wenn ich das Blatt mit der Öffnung über das andere lege, sehe ich die Information. So ähnlich funktioniert es auch heute noch, nur mit Kugeln und Lochkarten.
Am Anfang wusste ich noch nichts – Gerüchte, dumme Sprüche, so Zeug halt. Dann kam das Internet, eine Revolution für mich. Ich konnte alles lernen, ich musste nur suchen. Und dann kam YouTube – Hammer. Das waren die Jahre, die ich voll genutzt habe, und zwar wie folgt: Ich fragte mich etwas, suchte im Internet, gab der Information eine Öffnung in einem Themenbereich, zu dem es gehört (Physik, Bio, usw.). War die Frage falsch, löschte ich sie. War etwas falsch, erneuerte ich die Information. So sammelte ich ein Puzzleteil nach dem anderen. Ich kann heute so gut wie überall mitreden. Ich habe alles gelernt – wie Nummer 5.
Ich konnte viele Jahre zwar nicht gut lesen, aber das ging mit den Jahren, und mittlerweile kann ich gut lesen, sogar vorlesen – aber das nicht vor jedem Menschen.
Also, was ich hiermit sagen will: ADHS und Autismus kann man in eine Superkraft verwandeln. Autismus gibt einem die Möglichkeit, Tiefe in Themen zu erlangen, die manch einen Professor alt aussehen lassen kann. Und ADHS ist Neugier pur – die muss man füttern. Und durch Lisa bleibt man am Ball. Man sieht ja, wo man gerade ist. Selbst wenn etwas dazwischenkommt – auch etwas mehr, auch Stunden später – kann man genau da weitermachen, wo man zuvor aufgehört hat.
Ich kann nur sagen: Lasst euch nicht unterkriegen. Ein schöner Spruch, der mir an dieser Stelle einfällt, ist:
"Ich habe Gott gebeten, mir Geduld zu schenken, und er gab mir die Gelegenheit, Geduld zu beweisen."
Diesen Spruch kenne ich noch nicht lange, aber er hat mir Frieden geschenkt. Denn ich weiß nun: Nach der Prüfung habe ich Geduld. Viele werden mich verstehen, die anderen beneide ich um ihre Geduld – dass sie nicht in Wut verfallen oder alles zerstören, was sie lieben, nur um wieder etwas zu fühlen. Ist die Wut wieder weg, kommt der Frieden zurück. Diese Achterbahn der Gefühle kann einen wirklich zerreißen. Und dann noch genau zu wissen, warum etwas mit einem nicht stimmt, treibt einen in den Wahnsinn.
Wusa – reibe die Wut in die Wüste.
